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Atlanter & Lemuren

Goethes Faust, 5. Akt
Herbei, herbei! Herein, herein!
Ihr schlotternden Lemuren,
Aus Bändern, Sehnen und Gebein
Geflickte Halbnaturen.

Donnerstag, 4. Januar – 8.30 Uhr – Frühstücksbar Royal Tower: „Guten Morgen, sind Sie Frau Thater?“

Ich mache einen Augenaufschlag und auf deren Höhe bleibe ich bei meinem Gegenüber ungefähr im Bauchnabelbereich hängen. Um diese Uhrzeit trage ich normalerweise noch keine High Heels (es sei denn ich komme aus einer Bar), sondern FlipFlops und mein Genick knackt bedenklich, so weit muss ich den Kopf in meinen Nacken biegen.
„Ja.“
Er stellt sich artig vor. Patrik aus Saarbrücken, einziger Finalteilnehmer des Moneymaker Millionaires aus Deutschland. Wir holen uns Kaffee &  Bagels und ich setzte mich mit Hightower in eine der gemütlichen Sofas. Wir quatschen sofort los über die bevorstehenden Ereignisse, da stellt er mir seine Begleitung vor: Auch Patrik. Auch aus Saarbrücken und mit schwarzem MMM T-Shirt. Beide entschuldigen sich, dass sie ein wenig verwegen aussehen. Die Koffer seien weg und ich möchte sie freundlicherweise beizeiten darauf aufmerksam machen wenn man sie bereits auf 50 m am Geruch erkennen würde. Wir verabreden uns für später auf der PokerStars-Welcome-Party.

Pat_und_KatDiesmal hab ich High Heels an

Ab Mittag habe ich einen Marathon-Terminkalender. Filmen für die PokerStars-Webseite in allen Lebenslagen (englisches Skript kurz vorher bekommen, alles auswendig gelernt, dann doch auf Deutsch…), endlose Fotoshootings: alleine, nur die 3 Mädels, Gruppenbilder. Wir haben trotz der wenigen Zeit und dem vollem Programm viel Spaß. Es wird Chinese-Poker in den Pausen gespielt, Hamburger werden geordert, Babybilder von Chris´s Tochter angesehen und alle haben ein wenig Bedenken, dass das Foto-Dauergrinsen bis Turnierstart nicht mehr weggeht.

Am nächsten Tag ist für mich, Bill & Chris der erste Spieltag. Flight 1a, ca. 460 Spieler von denen 212 weiterkommen sollen. Es werden 6 Level gespielt a 75 min, nach jedem Level 10 min Pause, kein Dinnerbreak.

Ich lege einen sehr guten Start hin und gewinne nach ca. 20 min Spielzeit einen sehr großen Pot gegen 2 Mitspieler von denen mir noch einer meinen Suck-Bet in den Nutflush zahlt. Squeeeeezzzeee them! Und das war auch das positive Highlight des Tages. Etwas später muss ich gefloppte Strasse weglegen (ziemlich teuer) als sich das Board auf dem River paart und die Situation ganz komisch wird. Zu Recht. Ich passe, einer zahlt noch und wir glotzen beim Showdown auf das Fullhouse von Platz 10. So weit so gut, ich hab Bomben-Reads auf meine Gegner, es bringt mir nur keine Chips da ich endweder in irgendwas Größeres renne wie z.B. AA vs KK im SB + BB oder sich die Hand sich einfach negativ entwickelt.

Zwischenzeitlich wird Seri an den Nachbartisch in meinen Rücken gemoved. Er hat wenig geschlafen, die Nacht in einem Konferenzraum ohne Decke verbracht und ist zudem noch etwas ungeduldig. Sein Stack macht extreme Hüpfer nach oben und unten, er spielt viele Hände und mit einmal höre ich: “Katja, ich bin raus.“. Schade.

Also ich kämpfe mich nach einigen Tischwechseln so durch. In den letzten Händen des Tages, ich bin gerade 20 min an meinem neuen Tisch, mache ich noch mal schnell ein paar Moves. Ich  nutze einfach die Müdig- und die Bocklosigkeit der Spieler nach einem so langen Tag aus und überlebe mit 20.200 Chips. Somit habe ich mir die Chance erhalten am zweiten Spieltag noch was reißen zu können.

Am nächsten Tag findet das PokerStars Moneymaker´s Millionaire statt. Ich habe viel Pressearbeit zu erledigen und treibe mich derweil in dem separaten Finalraum der MMM Teilnehmer rum.

mmm-room

Katja, komm mal her, stell Dich mal da hin, hier ist Kanadisches TV, kannst Du mal eben…? So geht den ganzen Tag. Das DSF mit Michael Körner dreht auch parallel eine Dokumentation. Mit Michi ist es easy, wir machen immer was spontan und zwischendurch. Ich schaue den MMM-Teilnehmern bei Gelegenheit zu und feuere Patrik an. Er hat ne Menge Chips aber verliert dann einen Monsterpot. Er gambled Heads-up mit einem Draw, der leider nicht kommt. Von da an ist die Motivation bei ihm deutlich gesunken und er scheidet als 19. aus. Immerhin hat er 10K sicher und n schicken Bahamas-Urlaub. Ausscheiden tut immer weh und die Koffer sind auch noch nicht da. Alles schön nachzulesen in seinem Tagebuch unter http://www.nolimit-holdem.org/ .

Von diesem Zeitpunkt an entschließen wir uns auf Cocktails umzusteigen.

Am nächsten Tag habe ich meinen 2. Spieltag und ich erwarte eigentlich, dass ich entweder so shortstacked im ersten Level raus bin oder aber mich schnell abdoppel und in der Komfortzone Average befinde. Nix da, soooo einfach geht das nicht. Es schleppt sich hin. Die Fallbeile arbeiten im Sekundentakt. Ich sehe doch die erste Pause nach 75 min und bin noch drin. Es wird bis zum Geld runtergespielt, 450 Teilnehmer noch, 180 ITM. Ich kriege ein paar brauchbare Situationen und hab Gott sei Dank noch so viele Chips, dass ich bluffen kann. Das reicht zumindest zum Blindsteal und so schaffe ich es dann auch noch in den Level 8. Dass ich natürlich shortstacked absolut kartentot bin versteht sich von selbst. Das sind ja reine Selbstgänger. Zwischendurch denke ich, wenn ich noch einmal die Karo 2 sehe schreie ich.

day2-14

Dann endlich kommt meine Todeskarte AJ in Piiiik. Hop oder Top zum Abdoppeln. Die Karte sieht richtig schick aus in Late Position und beinhaltet nicht mal die Karo 2. Ich mach nicht lange rum, den Standard-Raise in mittlerer Position ignorier ich und pushe mit über 19K bei 1,2K BB und 200 Ante all-in. Der BB denkt nach, zählt seine Chips und kann knapp 30K vorweisen, die er in die Tischmitte schiebt. Der ursprüngliche Raiser wirft weg. Ok, Showdown. Ich zerre meine Kotzkarte hervor und sehe bei meinem Gegner KQ offsuit. Na bitte, er hat ganze 35%. Mit was die Leute ihre Kohle reinschieben, unglaublich: Raise, reraise und call ein all-in mit KQo für fast all seine Chips. Mich freut es.

Natürlich lässt mich AJ in Piiiik nicht im Stich. Sofort kommt eine rote Dame auf den Flop gehoppelt. Das Board ändert sich nicht großartig zu meinen Gunsten. Prima AJs, auf Dich ist Verlass. Ob ich 65, 75 oder gar 80% mit Dir habe, Du bist ganz oben auf der Liste.

Ich scheide im oberen Drittel aus.
PokerStars-Teamkollegin Vanessa kommt mir kurz darauf entgegen, laut gestikulierend. Keine Sprechstunde mehr. Sie reist ab.

Ab jetzt werden nur noch Cocktails getrunken.
Bahama Mama, Moby´s Dick, Bra-Opener und Sledgehammer. Alles das Gleiche, die Typen in der Bar schütten rein was in der Vitrine steht.

Da hier kein Mobiltelefon geht und auch das Internet nur funktioniert wenn einer im Keller das Fahrrad tritt, mache ich auch kein Blog-update.

Wir rocken die nächsten Tage noch alle Sidegames; die Jungs sind nach wie vor ohne Koffer, riechen aber merkwürdigerweise nicht. Hightower-Patrik hat sich eine schwarze Polyesterhose im 50-er Jahre Look zugelegt, mir schlägt vor Lachen das Herz höher und ich versuche nicht in seiner Gegenwart zu rauchen weil ich Angst habe die Hose explodiert. Zu dem hat sie Schlag und Hochwasser, was man aber unterm Pokertisch nicht sehen kann.

Ich bekomme meinen Lady Shaver und den Pfirsich-Rasierschaum von den Jungs zurück, wir betrinken und bezocken noch Pat´s Flugangst, denn deren Abreisetag sieht ziemlich ungemütlich aus. Die Worte „Bermuda-Dreieck“, „Abstürze“ und „Kotztüten“ findet er gar nicht komisch.

Mit Seri teile ich mir noch am nächsten Morgen ein Taxi zum Flughafen. Ein Wunder, denn er ist morgens um 6 nach zig Bahama Mamas in der Hotellobby eingeschlafen. Ich hatte ihm noch sein Portemonnaie unter den Hintern geschoben, keine Ahnung was drin war, aber so was kommt hier sicher gar nicht gut. Immerhin sind wir in Atlantis. Und dass man hier auch nur einen Lemura trifft, ist so unwahrscheinlich wie AJs nach Hause zu kriegen.

Patrik allerdings sagte mir, sein Lemure in ihm hätte schwer gekämpft. Er käme aber mit nach hause. Lebend.

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